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Guttenberg bleibt stehen trotz Whistleblowing

Eigentlich ist gerade wichtigeres zu tun, als über Herrn Guttenbergs Verhalten nachzudenken. Da hat der Freiherr und ihn stützende Stimmen meines Erachtens vollkommen Recht. In der Bewertung, was nun konkret so viel wichtiger sein könnte, möchte ich mich gern zurückhalten – kann ich manchmal selbst nicht gut entscheiden, ob die Arbeit zur Eröffnung des eigenen Geschäftes nun wichtiger ist als eine Beendigung des militärischen Engagements der Bundesrepublik in Afghanistan.

Was jedoch für mich klar auf der Hand liegt, ist die Tatsache, dass eine Person, die sich einen Doktortitel erschleicht, wohl kaum die geeignete ist, um Führung zu übernehmen. Gerade das beansprucht Herr Guttenberg aber für sich. Diese Führung betrifft u.a. das Vorgehen in Afghanistan und den von ihm iniziierten Umbau der Bundeswehr von einer Wehrpflichtarmee in ein Freiwilligenheer. Die tiefergehende Beschäftigung mit diesem Umbau würde vom Thema fortführen. Allerdings soll daran erinnert sein, dass die USA seit den Protesten gegen den Vietnamkrieg die Wehrpflicht aussetzen und somit seitdem faktisch eine Freiwilligenarmee in ihre Kriege schickt. Parallelen im Vorgehen, trotz fehlender massiver Proteste im Land gegen die Bundeswehreinsätze, sind eventuell erkennbar.

Abseits der Aberkennung des Doktortitels durch die Uni Bayreuth hat auch jeder selbst bei GuttenPlag Wiki schnell feststellen können, dass es nicht um unwichtige, wissenschaftliche Unzulänglichkeiten geht. Fußnoten zu vergessen ist eine Sache. Fußnoten aus den kopierten Werken anderer zu löschen, kann jedoch kaum glaubhaft begründet werden mit:  „…, dass ich … offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe“ (Guttenberg selbst in seinem Schreiben an die Uni Bayreuth). Dass Guttenbergs Brief an die Uni mit dem Gesuch der Doktortitelrücknahme auf Briefpapier des Bundesministeriums der Verteidigung geschrieben wurde und nicht etwa persönlichem, könnte Frau Merkel bei Kenntnisnahme zu der Einsicht verhelfen, dass sie einen Menschen als Minister berufen hat, der nach eigenem Gusto unterscheidet, was privat ist und was nicht.

Ein Rücktritt als Verteidigungsministers und auch ein Verzicht auf sein Bundestagsmandat wären deutliche und mittlerweile angebracht demütige Zeichen, dass Herr Guttenberg als Mensch mehr als der mediale Schein ist und den von ihm selbst propagierten Werten folgt. Das wirklich Beklagenswerte der Diskussion ist jedoch die nachhaltige Beschädigung eines demokratischen Staatsverständnisses durch ihn, seine Partei und die CDU.

Auch wenn die Sau Wikileaks gerade nicht durchs Dorf getrieben wird, (UPDATE: Gerade kam die Meldung, Assange kann an Schweden ausgeliefert werden.) so steht das Thema in einem, wenn auch leicht versteckten Zusammenhang mit dem bisher Besprochenen.

Bereits vor eineinhalb Wochen ist das Buch von Daniel Domscheit-Berg „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ erschienen. Einiges in den Diskussionen der letzten Monate um Wikileaks und Julian Assange blieb unverständlich, da in den Medien kaum die Idee um Whistleblowing behandelt, sondern die verwertbaren „Skandale“ (Sex, der im Nachhinein als Vergewaltigung interpretiert wird; Clash der Plattformbeteiligten) bebildert wurden. Domscheit-Bergs Gedanken könnten trotz reißerischem Buchtitel die Ereignisse vervollständigen und das Interesse auch wieder auf die Auseinandersetzung mit der Idee des Whistleblowing lenken. Eine Zusammenfassung über die Bucherscheinungen im deutschsprachigen Raum denen ähnlich Erhellendes zuzutrauen ist, gibt es bei Fluter, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wikileaks Bücher zum Thema

Die entscheidenden Fragen bei aller Diskussion um Whistleblowing und die Verantwortung von Medien im politischen Geschehen scheinen sich jedoch eventuell gar nicht zu stellen. Die Geschehnisse um die Doktorarbeit Guttenbergs zeigen, dass eine medial erscheinende Mehrheit der Bundesbürger mit ihrem Festhalten an Guttenberg als Minister nicht informiert sein möchte, sondern eher damit beschäftigt ist, ihre Positionen aufrecht zu erhalten. Es macht gerade nicht den Eindruck, als ob Menschen Entscheidungen nach möglichst gründlicher eigener Recherche treffen, sondern nur gemachte Bilder aufrecht erhalten wollen. Nebenbei sei hier die Frage erlaubt: Wann arbeitet ein Verteidigungsminister gut?

In der noch gestern angeblich hohen Zustimmungsrate, Guttenberg solle weiter den Verteidigungsminister geben, zeigt sich, wie beschädigt das demokratische Verständnis bei einer Vielzahl von Bundesbürgern bereits sein könnte.

Auch wenn manches oft komplexer ist, als es beim ersten Blick erscheint. Die Plagiatsvorwürfe um Guttenbergs Doktorarbeit sind wenig komplex. Herr Guttenberg verkauft gerade eine „Fehlerberichtigung“ als positiven Umgang mit sich selbst und möchte sich auch noch als Vorbild etablieren. Eine Doktorarbeit zu verfassen, die zu einem erheblichen Teil auf den Gedanken anderer beruht, ohne das kenntlich zu machen, nennt man Schmücken mit fremden Federn. Es zeigt Anstands- und Respektlosigkeit, wenn selbst beim Nachweis des Schmückens keine Konsequenzen gezogen werden. Eine Konsequenz ist nicht die Rückgabe des Doktortitels. Dieser wäre eh aberkannt worden durch die Uni Bayreuth.

Eine Konsequenz ist, mit Verlaub ich wiederhole mich, der Rücktritt von seinem Amt als Verteidigungsminister und eine Aufgabe seines Bundestagsmandats. Herr Guttenberg ist nicht ausreichend moralisch integer. Schluß. Aus.

Wer das bisherige Verhalten dieses Ministers billigt, sollte sich nicht wundern, wenn er als Bürger auch in Zukunft respektlos behandelt wird. Respekt wird nicht erbettelt.

Respekt wird erkämpft. In diesem Sinne sollte die Beschäftigung mit Whistleblowing, welches die ein oder andere Sauerei öffentlich machen könnte, nicht allein etablierten Medien überlassen bleiben. Denn in der Beobachtung, wie z.B. der Spiegel mit Themen rund um Wikileaks umgeht, zeigt sich ein deutlicher Kampf um die Erhaltung von Machtstrukturen der „Leit-„medien gegenüber neu entstehenden Informationsmöglichkeiten. Allein die Besprechung zum Erscheinen des Domscheit-Berg Buchs verdeutlicht eine tendenziöse Berichterstattung und tiefes Mißtrauen des Spiegels gegenüber anderen als den eigenen Deutungen.

Ein sogenanntes Informationsmedium sollte in erster Linie immer noch informieren. Den eigenen Reim kann sich bei entsprechend ausreichender Faktenlage jeder selbst machen. Wenn jedoch Medien immer stärker damit beschäftigt sind, Positionen bereits vorzuformulieren, wird es Menschen wie Herrn Guttenberg immer leichter fallen ihre Macht zu erhalten und auszubauen. Welche Fäden für die eigene positive Erscheinung medial zu spinnen sind, ist ihm wohl gut bekannt, ganz im Gegensatz zu den Regeln der Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit.

Abschließend würde mich interessieren, wie Herr Guttenberg seine Studienarbeiten verfasste. Dass kann mir jemand gern auch noch im nächsten Jahr stecken. Ist nämlich nicht wirklich wichtig, aber gern aufgenommenes, strukturelles Grundrauschen.

2 Kommentare

  1. Es ist immer wieder frappierend, wie direkt so ein Hype verglüht. Durch Libyen und Japan ist zu Guttenberg von einem Tag auf den anderen verschwunden. Man hat noch den Großen Zapfenstreich mit Smoke on the water in Erinnerung, seit dieser Zeit hört und sieht man nix, weder von Guttenberg selbst noch von seinen angeblich vielen Fans.

  2. Ja und das ist gut so. Das Atomdesaster in Japan und die Ereignisse in Libyen sind Themen, die eine Beschäftigung lohnen.